MÄNNER MAGAZIN

DENNIS STEPHAN
EINE FORM DER ABWESENHEIT

Dirk H. Wilms (49) ist nicht nur der Mann hinter, sondern auch vor der Kamera seines monochromen Fotoprojektes „A Kind of Absence“. Seit 15 Jahren hält der an AIDS erkrankte Mülheimer das fest, was uns alle tief in unserem Inneren ängstigt – die Vergänglichkeit des menschlichen Körpers
 

Dennis Stephan: Dirk, was steckt hinter Deinem Projekt?


Dirk: Das Projekt entstand 2001, kurz nach meiner HIV-Infektion. Ich hatte davor schon ein paar Jahre als Fotograf gearbeitet, habe aber überwiegend Naturaufnahmen gemacht.

Dennis: Das hat sich nach Deiner Infektion geändert?


Dirk: Nach meiner HIV Diagnose sind zwei Dinge mit mir passiert. Zum einen, dass ich viel zu schwach war, irgendetwas beruflich zu stemmen. Zum anderen, dass sich mein soziales Umfeld von mir abgewendet hat. Aus dieser Isolation und einer gewissen  Sprachlosigkeit gegenüber einer Welt, die mich nicht mehr brauchte, ist die Idee entstanden, mein Leben auf künstlerische Weise zu dokumentieren.

In Form von Selbstporträts. Ich habe nach einer Möglichkeit gesucht, mit meiner Infektion umzugehen. Als Fotograf war es naheliegend, dass ich das mit Fotografie und der Technik des Selbstauslöseres mache – anfangs noch nicht in der Form wie heute. Die Maskierungen als stilistisches Mittel haben sich erst im Laufe der Zeit entwickelt, weil die Spuren der Infektion als erstes durch die Lipodystrophie [Anm. d. Red.: Eine Veränderung des Unterhautgewebes, die bei HIV-Infizierten unter antiretroviraler Therapie auftreten kann] in meinem Gesicht zu sehen waren.

Dennis: Basiert darauf auch das Thema der Verhüllung in Deinen Bildern?


Dirk: Das macht mir stark zu schaffen, weil ich immer das Gefühl habe, dass die Leute mich anglotzen und mir sofort ansehen, dass ich irgendetwas habe, das nicht normal ist. Ich erlebe hin und wieder ganz bizarre Momente, in denen eigentlich nur noch fehlt, dass die Leute sich bekreuzigen, wenn sie an mir vorbeigehen. Das hat geprägt, dass ich mein Gesicht in meinen Bildern meistens verhülle, wenn auch die Sicht auf meinen Körper bleibt. Ich mag das Spiel mit der offensichtlichen Verhüllung und dem gleichzeitigen bewussten Offenlegen meines verletzlichen Ichs durch die Nacktheit. Im Laufe der Jahre habe ich festgestellt, dass die Betrachter sich außerdem besser mit dem auseinandersetzen und identifizieren können, wenn ihr Blick auf den Körper geht. Ähnlich wie bei Schaufensterpuppen.

Dennis: Das heißt, es geht Dir auch gar nicht so sehr, darum Dich zu zeigen, sondern den Körper?


Dirk: Für mich war von Anfang an wichtig, mich sichtbar zu machen, nicht, mich zu zeigen.  Zu zeigen, dass ich da war. Denn ich hatte damals den Eindruck, dass wenn ich aufgrund meiner Erkrankung sterbe, niemand weiß, dass ich da gewesen bin. Mir war es wichtig, etwas zu hinterlassen.
So ist jedes Foto zu einem Beleg für meine Existenz und die Auseinandersetzung mit HIV und AIDS geworden.

Dennis: Wie würdest Du die Serie beschreiben?


Dirk: Es sind dokumentarische Inszenierungen, die zeigen, wie die Krankheit meinen Körper und meine Stimmung verändert. AIDS verändert die Haut, die ganze Physiognomie und meine Seele. Das ist tatsächlich der Kern meiner Arbeit. Den Leuten meine physischen Ängste, meine Albträume näher zu bringen. 

Dennis: Wie nehmen Betrachter denn Deine Kunst an?


Dirk: Ich weiß, dass manchmal bestimmte Sachen in meinen Bildern sehr ernst genommen werden, und dass Betrachter denken, meine Arbeiten seien ausnahmlos schwermütig und anstößig und das ich ziemlich verwirrt sein muss, so was zu machen. Das stimmt natürlich alles. Aber man kann nicht steuern, wie andere deine Bilder sehen sollen. Ich habe das aufgegeben. Aber es war wichtig, dass ich den Leuten erkläre, warum ich diese Bilder mache. Erst als ich nach ein paar Jahren  den Leuten erklärt habe, wieso ich diese Bilder mache, hat die Serie nicht nur für mich einen höheren Wert bekommen, sondern auch für andere Menschen. Interessant finde ich, dass einige Leute durch den Blick auf meinen Körper, eigene Schwachstellen an sich selbst entdecken. Mir hat einmal ein Galerist gesagt, dass er glaubt, dass die spannendsten Arbeiten von mir kommen, wenn ich – so blöd es klingt – kurz vor dem Ableben bin. Das fand ich zunächst schockierend, aber ich glaube auch, dass ich weiß, was er gemeint hat.

Dennis: Empfindest Du Deinen Alltag als schwarzweiß?    


Dirk: Im Grunde ist mein ganzes Leben schwarzweiß. Für mich ist die Farbe der Fotografie seit jeher schwarzweiß. Als Kind habe ich gerne alte Schwarzweißfilme gesehen und deshalb bis zu meinem siebten Lebensjahr gedacht, dass die Vergangenheit der Menschheit farblos war. Das hat mich fasziniert, war meine Welt. Ich denke auch heute manchmal nach, ob ich in Farbe oder Schwarzweiß träume. Ich bin fast davon überzeugt, es ist letzteres.

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