MEIN SCHWULES AUGE BAND 11

Hrsg. Rinaldo Hopf & Axel Schock
Konkursbuch Verlag

DIRK H. WILMS
ICH TRAGE AIDS IN MEINEM GESICHT

 

Ich erinnere mich gut an die unbeschwerten Tage in meinem Leben. Als ich schon kurz nach Sonnenaufgang aufstand, um an den Küsten der Nordsee Stimmungen mit meiner Kamera einzufangen. Ich liebte diese Tage am Meer, ich liebte es, barfuß über den Sand zu laufen, ich liebte die Wärme und die Leichtigkeit dieser Zeit. Schon als Kind hatte ich diese besondere Affinität zum Meer. Mein Leben war perfekt, so sollte es bleiben.

 

Aber alles änderte sich im Winter 2001 mit meiner HIV-Diagnose. Danach war alles anders, nichts blieb so wie es war. AIDS. Die meisten meiner Freunde hatten plötzlich Angst vor mir und verließen mich. AIDS. Die Fotoaufträge blieben aus, weil ich als Risiko galt. AIDS. Kaum jemand wollte noch mit mir zu tun haben. Mit mir, dem Monster mit dem tödlichen Virus.

 

Die ersten Jahre nach der Diagnose verließ ich kaum noch mein Haus. Ich hatte Angst rauszugehen, weil ich dachte, dass jeder der mich sieht, sofort weiß, dass ich das Virus in mir trage. Das blasse Monster entschied sich, zu Hause zu bleiben.

 

Aber ich wollte nicht vergessen werden. Ich wollte, dass die Menschen, nach meinem Tod wissen, dass ich auf dieser Welt war. Ich begann, mein Leben, meine Ängste, und meinen körperlichen Verfall auf künstlerische Weise fotografisch zu dokumentieren. Die ersten Spuren der Infektion waren in meinem Gesicht zu sehen, und so kam ich  auf die stilistische  Idee, mein Gesicht auf den meisten meiner Selbstportraits zu bedecken. Ich tue das auch heute noch, weil ich immer noch Angst habe, verachtet oder nicht geliebt zu werden, weil ich AIDS in meinem Gesicht trage.

 

Für mich bedeutet Fotografie, das Leben einzuatmen. Mit ihrer Hilfe versuche ich meine Ängste, meine Depressionen und meine Alpträume für andere, die gewillt sind hinzuschauen, sichtbar zu machen. Durch meine Selbstportraits habe ich gelernt, die Krankheit mit all ihren Facetten zu akzeptieren. Die Krankheit und die Selbstportraits sind zum Kern meiner künstlerischen Arbeit geworden. Mir selbst habe ich den Auftrag erteilt, mich bis zum Ende mit der Kamera zu begleiten. Eine Aufgabe, die mich noch eine Weile beschäftigen wird.

Würde mich jemand fragen, ob Kunst Leben retten kann, wäre meine Antwort: Meins auf jeden Fall!

COPYRIGHT 2001 - 2020 DIRK H. WILMS
No part of this website or any of its contents may be reproduced without his express consent.