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CARSTEN BAUHAUS

WIE STILLE SCHREIE

 


HIV- Verläufe können so unterschiedlich sein wie die Menschen, die sie betreffen.

Dirk half die Fotokunst durch schwere Phasen.

Für Dirk Wilms war 2001 ein Horrorjahr: Schon Wochen ging es ihm nicht gut, ein Pilzbefall im Rachen hatte ihn am Essen gehindert. Reichlich abgemagert erlitt er plötzlich einen Zusammenbruch. Die Diagnose im Krankenhaus: HIV-positiv. „lch hätte nie damit gerechnet." erzählt Dirk Wilms. „Ich hatte mich doch immer geschützt. Das hat mein Leben komplett auf den Kopf gestellt.“ 

Was für andere einfach nur eine sehr schlechte Nachricht ist, war für Dirk Wilms eine totale Zäsur: „lch unterteile heute mein Leben in zwei Phasen: Vor und nach der Infektion. Danach war alles anders." Dirk ging mit der Nachricht offen um. „Aber im Nachhinein war es wohl keine gute Idee. Für meine Freunde, die vielleicht gar keine richtigen Freunde waren, wurde ich plötzlich zum Fremdkörper."

Eine besonders surreale Situation hat sich ihm ins Gedächtnis eingebrannt. Ein Freund besuchte ihn im Krankenhaus, blieb dann aber in der Tür stehen. „Er bewegte sich nicht vom Fleck und sprach von dort aus mit mir. Er hatte tatsächlich Angst, sich durch die Atemluft anzustecken. Es war wie im Film.“ 

Sein Freundeskreis, meist Heterosexuelle, die er im Berufsleben kennengelernt hatte, war offensichtlich völlig uninformiert. Und sie unternahmen auch leider keine Anstrengungen, mehr über HIV zu erfahren. Aber auch Dirk selbst war damals völlig unwissend: „Ich hatte nie über HIV nachgedacht. Safer Sex habe ich eh immer praktiziert, auch in meinen Beziehungen und damit war ich mit dem Thema durch. Als die Diagnose kam, dachte ich: Das war's jetzt." 
Nicht nur sein Umfeld gab ihn auf, auch er selbst tat dasselbe: „Ich war völlig hilflos, bin sofort in eine tiefe Depression gestürzt." Dabei waren 2001 ja schon mehrere Jahre wirksame Dreierkombinationen auf dem Markt. Alles kein Trost für Dirk: „Den Ärzten, die sagten, dass ich relativ problemlos weiterleben könnte, habe ich nicht geglaubt. Ich habe es gar nicht gehört. Das war alles weit weg.“ Nach drei Wochen konnte er aus dem Krankenhaus entlassen werden. Seine Situation hatte sich schnell stabilisiert. Dennoch war er fest davon überzeugt, dass ihm nur wenig Zeit zum Leben bliebe. 

Ein Gutes allerdings hatte dieser Fatalismus. Seinen Beruf als Fotograf nahm er endlich ernst: Er definierte sich als Künstler."lch wollte in der wenigen Zeit, die mir noch blieb, das machen, was ich wirklich wollte." Bisher hatte er neben dem Fotografieren noch nebenher gejobbt. Jetzt wurde die Fotografie zu seinem Lebensmittelpunkt. „Es waren Momente totaler Sprachlosigkeit für mich. So war ich quasi gezwungen, mich in der Kunst auszudrücken." Dirk begann eine langjährige Serie von Selbstportraits. „ln Bildern konnte ich mich viel besser ausdrücken als in Worten. Wenn ich hätte reden müssen, wäre ich wohl für immer sprachlos geblieben.“ 


Wie stille Schreie wirken deshalb seine Selbstportraits. Surreal wirken seine Kompositionen - ganz so, wie Dirk selbst seine Lebenssituation wahrnimmt. Meist zeigt er sich total entblösst, in völliger Offenheit - bemerkenswert in einer Zeit, wo er selbst kaum das Haus verlassen hat. „Drei Jahre lang habe ich mich vergraben. Noch heute habe ich Probleme damit, mit Leuten zu sprechen.“ Dafür lässt er seine Kunst sprechen. Sein Gesicht allerdings ist dabei oft nicht zu sehen: Gasmasken, Tücher, Luftballons, manchmal auch ein Eimer lassen seinen Kopf unsichtbar werden. Aufgrund verschiedener Resistenzen musste Dirk das heute nur noch wenig gebräuchliche Medikament Zerit nehmen. Schnell hat sich bei ihm deshalb eine Lipodystrophie herausgebildet, eine deutliche Veränderung des Unterhautfettgewebes. „Das Gesicht sieht dabei so aus wie ein Totenkopf. Ich hatte große Probleme, dazu zu stehen." 

Einmal ausgeprägt, bildet sich die Lipodystrophie nicht zurück, auch wenn Dirk das verursachende Medikament schon seit fünf Jahren nicht mehr nimmt. „Es wurde mir schon angeboten, die entsprechenden Stellen im Gesicht unterspritzen zu lassen. Aber dann käme ich mir noch künstlicher vor.“ Bald begann er dafür Sport zu treiben. Ein positiver Nebeneffekt der Lipodystrophie ist nämlich, dass man einfacher Muskeln aufbauen kann. 

Anders als der Kopf ist sein durchtrainierter Körper auf den Fotos immer perfekt inszeniert. Eine künstlerische Akzentverschiebung, die seine Selbstwahrnehmung widerspiegelt. „Die Fotografie nutze ich als eine Art Selbstbeobachtung wie sich mein Körper verändert. Und es ist für mich ein Medium der Selbstbestimmung. Meine Kunst ist für mich extrem wichtig geworden, um mit meinem Leben klarzukommen!" Auch eine Ausstellung hat es schon gegeben. Wohl die letzte: „Auf der Vernissage selber präsent zu sein, war mir eine Qual. Man erwartet natürlich, dass der Künstler anwesend ist. Aber auf Menschen zuzugehen fällt mir seit meiner lnfektion sehr schwer, ganz anders als früher." 

Auch bei seinen Auftragsarbeiten, oft Portraitfotografien für interessierte Kunden, bevorzugt er die intime Studioatmosphäre. „Als Fotograf zu überleben ist eh schwer. Als Positiver ist es nochmal schwerer.“ Langfristige Aufträge wie für Hochzeiten kann er nicht annehmen, immer noch hat er zwischendurch gesundheitliche Einbrüche und möchte nicht in die Verlegenheit kommen, Aufträge kurzfristig absagen zu müssen: „Das wäre schrecklich.“ Und: Kunden haben auch schon einmal selber einen Rückzieher gemacht, als sie auf seiner Website von seiner Infektion erfuhren. „Ein Auftrag beispielsweise, ein Firmenporträt, war eigentlich schon in trockenen Tüchern. Dann sagte der Auftraggeber plötzlich ab: Er wüsste nicht wie seine Mitarbeiter reagieren würden.“ 

lm Gegensatz zu vielen anderen sieht Dirk deshalb den offenen Umgang mit HIV skeptisch. Er hat einfach zu viele negative Erfahrungen gemacht. „Auch meiner Mutter hätte ich es damals nicht sagen sollen. Das hätte ich ihr ersparen sollen. Sie war damals gerade selbst an Brustkrebs erkrankt, an dem sie dann drei Jahre später starb." 

Dirk selber hatte übrigens doppelt Pech: Nicht nur, dass er sich trotz konsequentem Safer Sex - wohl in einer Phase zwischen zwei Beziehungen - angesteckt hatte. Derjenige, von dem er das Virus hat, hatte offensichtlich mit seiner Medikation ständig geschlampt. Sein Virus brachte deshalb schon etliche Resistenzen mit. Dirks Schutzengel hatte wohl einen Moment Kaffeepause gemacht. Während andere heute nur noch ein Tablette am Tag nehmen, muss sich Dirk unter anderem zwei Mal am Tag eine Spritze in den Oberschenkel setzen. Immerhin: Mit Fuzeon hat auch er es nun endlich unter die Nachweisgrenze geschafft. Auch insgesamt hat sich Dirks Leben inzwischen eingependelt. 

Es war die Kunst, die ihm über die schweren Jahre am Leben gehalten hat. „Die positiven Reaktionen haben mir gezeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin.“ Ein weiterer Fels in der Brandung war über die ganzen schweren Jahre lang Dirks Freund. Kennen gelernt hatten sie sich ein Jahr vor seiner Infektion. „Er war es, der von Anfang an zu mir sagte: Das kriegen wir schon hin. Er ist heute übrigens noch negativ.“ Und auch viele neue Freunde hat Dirk inzwischen gewonnen: „Die Leute, die ich heute kennen lerne, wissen meist schon vorher von meiner lnfektion. Dann ist es einfach kein Gesprächsthema mehr. Es ist jetzt einfach zum Bestandteil meines Lebens geworden."

Ein Leben, das sich nach großen Turbulenzen und Brüchen wieder zurechtgeruckelt hat: „Ich habe jetzt mit meinem Freund ein gutes Leben, ein bescheidenes Einkommen, einen soliden Freundeskreis. Und ein Hund kommt demnächst auch dazu. Besser kann's gar nicht sein."

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